Scrivener
Autorenprogramme im Test
Ich werde an dieser Stelle ab und zu Programme für Autoren vorstellen, die ich selbst benutze oder ausprobiert habe. Ich gebe hier lediglich meinen persönliche subjektiven Eindruck wieder. Es ist keine Werbung und ich werde für das Vorstellen der Programme nicht bezahlt.
Scrivener
Scrivener ist ein Programm, das in der britischen Softwareschmiede Literature & Latte entwickelt wurde. Der Fokus liegt hier auf dem Umgang mit umfangreichen Texten. Es verwendet das fragmentierte System. Anders als in Word oder anderen Textverarbeitungen wird hier der komplette Text nicht in eine einzige Datei gepackt. Stattdessen wird jede Szene gesondert abgespeichert.
Ein Kreativboard zur Entwicklung der Geschichte ist nicht integriert. Bei Bedarf muss es dazugekauft werden. Es wird von der gleichen Firma angeboten (Scapple). Wer eine Timeline benötigt, muss diese von Drittanbietern beziehen. Mir ist dabei nur Aeon Timeline bekannt. Sowohl Scapple als auch Aeon Timeline lassen sich mühelos in das Programm integrieren.
Texterstellung
Scrivener verwendet das fragmentierte System (siehe oben). Das erleichtert es, Szenen zu verschieben oder aus dem Dokument herauszunehmen bzw. einzufügen. Möglich ist es auch, verschiedene Szenen in Suchordnern nach bestimmten Kriterien zu filtern. Beispielsweise pickt man alle Szenen heraus, in denen ein bestimmter Gegenstand vorkommt. Diese werden dann in einem Suchordner – bei Scrivener „Sammlung“ genannt – gespeichert. Das geschieht nur virtuell, d.h. die Struktur des Manuskripts wird dabei nicht verändert. Es können beliebig viele solcher Sammlungen angelegt werden. Sie sind vor allem bei der Überarbeitung sehr nützlich.
Durch die Aufteilung in Szenen, können diese auch mit bestimmten Attributen versehen werden. Verwendet man in der Geschichte z.B. verschiedene Erzählperspektiven, können diese in der Gliederung farblich oder durch Icons gekennzeichnet werden.
Die Formatierung des Textes zur Druckvorlage oder zum E-Book geschieht erst am Ende der Erstellung. Dies bedeutet, während des Schreibens und Überarbeitens, spielt die Formatierung noch keine Rolle.
In der Gliederung kann man verschiedene Funktionsordner erstellen z.B. für Recherchen, Charaktere, Orte, Gegenstände usw. Man kann diese „Objekte“ auch mit Szenen verlinken. Allerdings muss man das manuell machen. In manchen Programmen übernimmt das die Software (Papyrus verlinkt z.B. Personen und Orte automatisch).
Im „Inspektor“ werden Notizen, Lesezeichen und verschiedene Informationen wie z.B. Datum/Uhrzeit der Erstellung der einzelnen Szene abgelegt. Auch Datum und Uhrzeit bezogen auf die Handlung, können dort eingetragen werden.
Überarbeitung
Das Überarbeiten eines Textes ist ein wichtiger Teil der Tätigkeit eines Autors. Wie bei anderen Programmen ist es auch hier möglich, Korrekturen nachzuverfolgen. Man kann auch sogenannte Snapshots machen, um den ursprünglichen Text zu sichern, bevor man ihn verändert. Ein sehr nützliches Tool. Die Rechtschreibprüfung ist rudimentär. Man merkt dem Programm an, dass es aus dem englischsprachigen Raum kommt. Es ist kein Duden Korrektor vorhanden. Und die Thesaurusfunktion ist ebenfalls sehr „übersichtlich“.
Scrivener kann den Text vorlesen. Auch wenn die KI (noch) nicht an einen menschlichen Vorleser herankommt, habe ich sie inzwischen doch schätzen gelernt. Man findet durch sie viele Fehler und unrunde Stellen im Text, die man ansonsten schnell überliest.
Benutzeroberfläche
Die Benutzeroberfläche von Scrivener wirkt sehr aufgeräumt. Sie passt sich gut in das Apple-System ein. Aber auch Nutzer der Windows-Version werden sich schnell zurechtfinden. Allerdings bleiben viele nützliche Features erst einmal versteckt. Deshalb ist es sinnvoll, sich ab und zu ein Video oder eine Anleitung im Internet anzuschauen, um neue Funktionen zu entdecken. Die Benutzeroberfläche lässt sich gut auf die eigenen Bedürfnisse anpassen. Zum ablenkungsfreien Schreiben gibt es einen speziellen Modus, der viele nicht unmittelbar benötigte Informationen ausblendet.
Preis
Kann man auf ein Kreativboard, eine Timeline und auf den Duden-Korrektor verzichten, erhält man ein relativ günstiges Programm für 70 Euro (Stand 02/2026). Das Lizenzkonzept bezieht sich immer auf das Betriebssystem. Hat man also eine MacOS-Lizenz kann man das auf allen Mac-Geräten nutzen. Möchte man Scrivener allerdings dann auf einer Windows-Plattform installieren, muss man die Windows-Version erwerben. Für iOS/iPadOS gibt es eine günstigere Variante für knapp 24 Euro.
Tutorials
Zum Einstieg gibt es diverse Tutorials. Die nach meiner Meinung besten deutschen findet man in der KnowHowLounge von Gian Camichel. Er bietet auch eine ins Deutsche übersetzte Romanvorlage an.
Link: https://www.knowhowlounge.de/scrivener-deutsch-faq/
Link für deutsche Romanvorlagen (Registrierung notwendig): https://kurse.knowhowlounge.de/p/autoren-toolbox
Zusammenfassung
Vorteile
- Sehr gute Verwaltungsfunktionen für Szenen und Kapitel.
- Fokussierung auf den Text, da die Formatierung erst vor dem Kompilieren zu einer Ausgabedatei erfolgt
- Vorlesefunktion
- Aufgeräumtes Menü
- Recherchefunktionen
- Gute Suchfunktion
- Individuell konfigurierbares Menü
- Preis
Nachteile
- Vorlagen nur in englischer Sprache
- Timeline – nur durch Integration von Aeon Timeline oder ähnlichen Programmen
- Kreativboard o. Ä. muss ebenfalls als separates Programm erworben werden
- Rudimentäre Rechtschreibprüfung
Persönliches Fazit
Scrivener ist für mich, wie für viele andere Autoren, das Programm der Wahl. Es erschlägt nicht mit einer Unmenge an kryptischen Icons, sondern bietet eine aufgeräumte Oberfläche. Ich mag die Stückelung in Szenen und nutze dieses System ausgiebig. Außerdem finde ich es gut, sich nicht mitten beim Erstellen von Text mit Fragen der Formatierung beschäftigen zu müssen. Das Lizenzmodell ist fair und der Preis bewegt sich im erträglichen Rahmen.